e-Portfolio von Michael Lausberg
Besucherzäler

= Romane IIII =

Rowohlt Verlag, Hamburg 2017, ISBN: 978-3-442-31180-4

Romane Teil 4

Im Folgenden sollen einige aktuelle Romane in deutscher Sprache von verschiedenen Verlagen vorgestellt werden, die es wert sind, besprochen zu werden.

Rezension des Buches von Franzobel: „Der Floß der Medusa“, Zsolnay-Verlag, Wien 2017, 26 Euro

Franzobel ist eine der spannendsten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte in Österreich. Neben seiner literarischen Tätigkeit arbeitete Franzobel als Maler. Der sich selbst als „Individualanarchisten“ bezeichnende Franzobel hat zahlreiche Theaterstücke, Prosatexte und Lyrik veröffentlicht, die in der Spannung zwischen Strukturen und Experiment stehen. Seine vielen großen Romane sind dagegen eine Mischung aus phantastischem Realismus, Sprachspiel und Wiener Volksstück dar. Mit seinem expressionistischen Habitus sind seine Werke ironisch, dadaistische Lehrstücke der Gesellschaftskritik, der die Subjektivität des Welterlebens und Weltverstehens verkörpert. Im strukturkonservativen Österreich ist er ein Paradiesvogel, der sich seiner Außenseiterrolle im kulturellen Establishment der Alpenrepublik bewusst ist und damit wohltuend gelassen umgeht.

In seinem neuen Roman „Das Floß der Medusa“ bezieht er sich auf eine historische Schiffstragödie aus dem Jahr 1816 vor der Westafrikanischen Küste. Darin erzählt er individuelle Geschichten über Moral und Unmoral, gibt autoritäre Haltungen der Lächerlichkeit preis und wird sogar existenzphilosophisch.

Die Medusa, eine französische Fregatte mit rund 400 Menschen an Bord, war damals auf eine Sandbank gelaufen, steckte fest und drohte zu kentern. Bei den folgenden Rettungsversuchen kommen die Niederungen der menschlichen Natur zum Vorschein, da nur für die Hälfte der Passagiere in den Rettungsbooten vorhanden war. So entwickelte sich ein survival of the fittest, wo sich die Stärksten durchsetzen und Solidarität mit Kindern nicht existierte. Jeder hatte plötzlich jeden als Feind, was zu grausamen Taten führte: Mord, Kannibalismus und blanke Gewalt. Menschen, die sich in Not und ohne den Druck eines Gesetzes in Raubtiere verwandeln, nagen an dem Glauben des Guten im Menschen und stellen existenzialistische und anthropologische Fragen per se. Die Passagiere töteten die Konkurrenten, verschlangen das Fleisch der Leichname oder warfen sie ins Meer. (vor allem S. 531ff) Das Fehlen jeglicher Moral der sich selbst als zivilisiert bezeichnenden Europäer ist schockierend und schwer verdauliche Kost für einen vergnüglichen Leseabend. Allerdings findet man in dem Roman zahlreiche ironische, witzige und skurril wirkende Passagen, wo ethische Dimensionen keine Rolle spielen.

Franzobel hat einen hochaktuellen Roman geschrieben. Mit spitzem Stift verweist er auf die aktuellen Flüchtlingsdramen, die sich an Europas Außengrenzen abspielen. Leider bleibt er dabei auf halbem Wege stehen. Er vergisst es, auch auf die „Festung Europa“ einzugehen, wo menschenverachtende Praktiken der EU-Staaten dafür sorgen, dass die Flüchtlingsabwehr perfektioniert und die Hysterie gegenüber Einwanderung geschürt wird. Anhänger von rassistischen Parteien wie FPÖ, AfD, FN usw. werden sich abwenden und von dem „Gutmenschen“ Franzobel und seinem Abstand nehmen. Der Rest der Gesellschaft kann sich an diesem skurrilen, moralischen und flüssig geschriebenen Roman erfreuen. Trotz ernstem Hintergrund sehr unterhaltsam!

Rezension des Buches Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes Verlag 2016,

Benedict Wells, der als Vorbild die Romane von John Irving nennt, zweiter Roman Becks letzter Sommer bedeutete für den jungen Künstler den Durchbruch in der Welt der Literatur. 2009 wurde er mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. 2015 kam die Verfilmung von Becks letzter Sommer mit Christian Ulmen in der Hauptrolle sogar in die Kinos der Republik.

Nach siebenjähriger Schreibdauer erschien im Februar 2016 erschien sein vierter Roman „Vom Ende der Einsamkeit“. Dieser Roman bedeutete für Wells einen weiteren Erfolg und der Anstieg auf der Karriereleiter. Vom Ende der Einsamkeit kam kurz nach Erscheinen sofort auf Platz 3 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

„Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt von einer Familientragödie, die den Ich-Erzähler Jules und seine beiden Geschwister Marty und Lizzy aus der Bahn werfen. Ihre Eltern kamen durch einen Verkehrsunfall in Frankreich ums Leben. Der Tod, die Trauer und die Einsamkeit sind für sie nur schwer zu ertragen und prägen ihren weiteren Lebensweg. Jeder trauert dabei für sich alleine. Vor allem Jules lebt in seiner eigenen Erinnerungswelt, wo die Eltern noch leben und schafft sich damit eine Traumwelt, die ihn am Leben erhält. Er übernimmt die Liebe zur Fotographie von seinem Vater und entwickelt sich sonst zu einem scheuen jungen Mann. Wie seine Mutter hört Jules am liebsten die Beatles, Paolo Conte, John Coltrane und den ebenfalls früh verstorbenen Melancholiker Nick Drake.

Doch der Roman hat nicht nur eine traurige, düstere Seite: Aus Erinnerungen beschreibt Wells die Liebesgeschichte zwischen Jules und seiner Jugendfreundin Alva. Beiden gemeinsam ist, dass sie nie über den großen Verlust ihrer Kindheit hinwegkommen sind, was sie auch wieder zusammenschweißt. Nach einigen Verwicklungen und spannenden Wendungen kommt es doch noch zu einem versöhnlichen Ende. Die beiden finden schicksalshaft zueinander und gründen zum Schluss eine Familie gründen, um die Einsamkeit zu besiegen. Die Gedanken an seine Eltern begleiten Jules dennoch weiter.

Dieser „Selbstfindungsroman“ bedient alle großen Gefühle: Tod, Trauer, Einsamkeit, Liebe und die Sehnsucht nach Geborgenheit. Das Innenleben der Figuren, besonders Jules, steht im Vordergrund des Romans. Er schafft es, Gefühle bei den Lesern hervorzurufen, ohne dabei kitschig oder plump zu sein. Es ist kein Wunder, dass Wells für sein einfühlsames und fesselndes Werk mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet wurde. Hintergründig und nachdenklich, romantisch und vernünftig, die Facetten der Geschichte sind sehr vielfältig: Benedikt Wells schafft es damit, die Leser zu begeistern und in eine spannende, melancholische Welt mit kritischem Hintergrund zu entführen. Eine lesenswerte, kurzweilige Lektüre.

Sheryl Sandberg/Adam Grant: Option B. Wie wir durch Resilienz Schicksalsschläge überwinden und Freude am Leben finden. Aus dem Amerikanischen von Sonja Schuhmacher, Barbara Steckhahn und Thomas Wollermann, Ullstein Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-550-08186-6

Jeder Mensch macht in seinem Leben tiefe Krisen durch. Trauer um einen geliebten Menschen oder andere Schicksalsschläge zu bewältigen, erfordert viel Zeit und viel Kraft. Gemeinsam mit dem Psychologen Adam Grant erzählt die Autorin Sheryl Sandberg von der Trauer um ihren verstorbenen Mann und ihren Umgang mit diesem Schicksalsschlag. Dabei kommen auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Resilienzforschung zur Sprache, die den Betroffenen Hoffnung auf einen Ausweg aus der Trauer und Betäubungslosigkeit verspricht. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, sich nach tiefen Krisen, eigenständig zu erneuern, im Sinne von Selbstregulation.

Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind personale Faktoren, Umwelteinflüsse und Prozessfaktoren. Zu den Umweltfaktoren gehören die Unterstützung durch die Familie, seine Kultur oder Gemeinschaft, seine schulische Umgebung. Zu den personalen Faktoren gehören kognitive (z. B. Intelligenz, Deutungs- und Sinngebungsmodelle der Realität, Religiosität) wie auch emotionale, also z. B. seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren, seine Selbstwirksamkeitserwartung, die Toleranz für Ungewissheit, die Fähigkeit, Beziehungen aktiv gestalten zu können oder die mehr oder weniger aktive Einstellung zu Problemen (Problemfixierung oder aber Problemlösungsorientierung). Zu den Prozessfaktoren gehören u. a. die wahrgenommenen Perspektiven, die Akzeptanz des Unveränderbaren und die Konzentration aller Energien auf das als nächstes zu Bewältigende und die dabei entwickelten Strategien.

In diesem Buch werden Bewältigungsstrategien von Trauer und Hoffnungslosigkeit in profunder Weise vorgestellt. Den Charakter des Buches macht allerdings die Offenheit von Sheryl Sandberg aus, wie sie über den Tod ihres geliebten Mannes und die Zeit danach spricht. Dieses Buch geht unter die Haut und bietet Hoffnung für viele Menschen, die von schweren Schicksalsschlägen betroffen sind.

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise, Ullstein-Verlag, 7. Auflage, Berlin 2017, ISBN: 978-3-550-05008-4

Der Autor schildert den trostlosen Alltag weißer Arbeiterfamilien, die durch Armut und Chaos, Hilflosigkeit und Gewalt, Drogen und Alkohol bestimmt ist. Hillbilly bedeutet soviel wie Hinterwäldler im Deutschen und ist eine oft abfällig verwendete Bezeichnung für Bewohner der ländlichen, gebirgigen Gegenden der USA wie den Appalachen und den Ozarks. Die Krise der Industrie und der darauf folgende Arbeitsplatzabbau zog der Niedergang der alten Industrien ihre Familien in eine Abwärtsspirale, in der sie bis heute stecken. Vance schildert sowohl die trostlose Situation seiner Familie und gleichzeitig den Abstieg einer ganzen Gesellschaftsschicht. Diese Ausweglosigkeit führt zu Anfälligkeiten für einfache autoritative Parolen der amerikanischen Rechten.

Vances Familie stammt aus den Bergen aus der 6000-Seelen-Gemeinde Jackson, in der es „ein Gerichtsgebäude, ein paar Restaurants – fast ausschließlich Fast-Food–Ketten – und ein paar Läden und Geschäfte“ gibt und wo die Menschen in Wohnwagensiedlungen, Sozialwohnungen, Farmhäusern und Siedlerhöfen leben. Hier sei „das Schicksal der weißen Arbeiterschicht am finstersten. Geringe soziale Mobilität, Armut, Scheidung und Drogen haben meine Heimat zu einem Brennpunkt des Elends gemacht.“

Die Schilderungen von Vance berühren zwar, aber es geht immer noch schlimmer. Von dem asozialen Gesellschaftssystem des „American Dreams“ sind vor allem Nicht-Weiße, also Latinos, Dunkelhäutige und indigene Ureinwohner betroffen. Von der Situation der vielen hunderttausend Illegalen und Obdachlosen ganz zu schweigen. Marktextremismus gepaart mit Sozialdarwinismus produziert einige „Gewinner“ und viele „Verlierer“, Armut und Hoffnungslosigkeit sind kein persönliches Versagen, der Fehler liegt im System. Diese Aspekte fehlt in der Geschichte von Vance, so dass das Buch nur eine Deskription bietet, aber keine konsequente Lösung der Probleme. Ein anderer Amerikaner konnte da mehr überzeugen: Michael Moores weltweites Erfolgsbuch Stupid White Men aus dem Jahre 2001, in einem dokumentarisch-satirischen Stil gehalten, richtete sich vornehmlich gegen die politische Elite in den Vereinigten Staaten, den dortigen Rassismus und die von Moore diagnostizierte soziale Kälte. Demgegenüber fehlt Hillbilly-Elegie die scharfsinnige Konsequenz und die klare Wortwahl zur Lösung der Probleme.

Es ist ein Buch, das berührt, und das Elend einer Bevölkerungsgruppe schildert. Aber es hat nicht das Niveau eines Bestsellers, dafür fehlt die soziologische Tiefe.

Ralf König: Santa Claus Junior, Rowohlt Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-499-29082-4, 120 Seiten, 12,00 Euro

In diesem Comic von Ralf König geht es vordergründig um die Weihnachtszeit, den passenden Umgang damit und darum, dass unwillkomme Gäste manchmal doch die Besten sind. Mit seinen witzigen, oft auch hintersinnigen und bewegenden Geschichten engagiert sich Ralf König stets gegen Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben. Seine Bücher wurden in bislang 15 Sprachen übersetzt. Mit einer Gesamtauflage von fast sieben Millionen Exemplaren ist er heute der weltweit populärste Autor explizit schwuler Geschichten. Vier seiner Werke wurden für das Kino verfilmt, etliche als Puppenspiel oder Theaterstück aufgeführt.

In diesem Buch über Weihnachten, das jetzt neu im Rowohlt Verlag erschien, hat die Hauptperson Ute wie viele ihrer realen Mitmenschen die Nase voll von Hektik, Stress, Geschenke kaufen und den x-ten Weihnachtsmarkt und teilt ihren Freunden mit, dass sie dieses Jahr Weihnachten überhaupt nichts machen will. Doch dann kommt doch alles ganz anders: Als Ute allein in ihrer Wohnung Weihnachten sitzt und nur über das Telefon mit Freuden oder Eltern Kontakt hat, sorgen der Besuch von Santa Claus Junior, dem Weihnachtsmann im besten Alter und ein Schneemann, der nicht zu schmilzen anfängt, für Turbulenzen und ungeahnte Gefühle. Dass ein Weihnachtsmann auch andere Qualitäten besitzt, sieht Ute nach reiflicher Überlegung dann auch ein.

Insgesamt gesehen wäre etwas mehr bissige Satire zur Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes und zu den erstarrten Dogmen der katholischen Kirche zu wünschen gewesen. Trotzdem ist es eine humorvolle und unterhaltsame Lektüre über Weihnachten und den Umgang damit, die sich von anderen vorteilhaft abhebt.

Masami Ono-Feller/Eduard Klopfenstein (Hrsg.): Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch/Deutsch, Reclam Verlag, Stuttgart 2017, ISBN: 978-3-15-011116-1.

Das Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform. Es besitzt eine reduzierte dichterische Aussageform und gilt als kürzeste Lyrikform der Welt. Diese Form der Lyrik hat nicht nur Anhänger in Japan, sondern ist in der gesamten Welt – manchmal in unterschiedlichen kulturellen Versionen- verbreitet.

Gegenstand des Haiku ist ein Naturgegenstand außerhalb der menschlichen Natur, abgebildet wird eine einmalige Situation oder ein einmaliges Ereignis. Diese Situation oder dieses Ereignis wird als gegenwärtig dargestellt. Im Haiku findet sich ein Bezug zu den Jahreszeiten. Dem Bezug auf die Jahreszeit dienen Kigo, spezielle Wörter oder Phrasen, die in Japan allgemein mit einer bestimmten Jahreszeit in Verbindung gebracht werden. Die dargestellten Dinge sind Repräsentanten erlebter Momente und der damit verbundenen Gefühle.

Diese Anthologie von Masamo Ono-Feller, Autorin von mehreren Büchern über japanische Gedichte, und Eduard Klopfenstein, Professor der Japanologie an der Universität Zürich, trägt der weiten Verbreitung des Haiku Rechnung. Die Veröffentlichung von Haiku-Gedichten aus fünf Jahrhunderten mit zahlreichen Hintergrundinformationen über Geschichte und Dichter hatte folgenden Hintergrund: „Angesichts der wachsenden Popularität des Genres und angesichts des beachtlichen Volumens an Literatur stellte man überraschend fest, dass bis zu dieser Anthologie niemand versucht hat, die gesamte Entwicklung des Haiku von den Anfängen bis zur Jahrtausendwende chronologisch durchgehend anhand von Beispielen fassbar zu machen und so einen zusammenhängenden Überblick zu ermöglichen – das heißt vor allem, das Wirken der Klassiker mit den Kontinuitäten wie den Neuerungen des 20. Jahrhunderts in eine große Linie zu stellen. Unsere Anthologie möchte diese Lücke füllen.“ (S. 390)

Es werden 305 Gedichte aus fünf Jahrhunderten in japanischer und deutscher Sprache vorgestellt, am Ende der Seite gibt es Informationen zur Datierung und zum Entstehungshintergrund. Anschließen werden biographische Informationen zu den Dichterinnen und Dichtern ein kleines Haiku-Glossar und die kurzer Einblick in ein Kettengedicht, der Wurzel des Haiku, präsentiert. Dann folgt ein Nachwort mit einem kurzen Überblick über die Geschichte und Entwicklung des Haikus. Am Ende gibt es noch ein Literaturverzeichnis zur Möglichkeit der weiteren Lektüre.

Die Faszination des Haikus und die Zusammenkunft eines Haiku-Kreises haben längst Westeuropa und die BRD eingeholt. Daher war es schon lange überfällig, ein Grundlagenwerk zu schreiben. Dieses hier erfüllt alle Anforderungen dafür, es fehlt nur eine Geschichte der Adaption der japanischen Lyrik in Westeuropa. Der Überblick über die Geschichte des Haikus hätte auch nicht im Nachwort stehen müssen, sondern noch vor den Gedichten selbst als Art Einführung. Ansonsten ist das Buch für Fans des Haiku oder solche, die es werden wollen, als Hintergrundlektüre zu empfehlen.

Edward Brooke-Hitching: Atlas der erfundenen Orte. Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten, dtv, München 2017, ISBN: 978-3-423-28141-6

Der Autor präsentiert in diesem Buch geographische Phänomene wie Kontinente, Inseln, dunkle Ländereien mitsamt Ungeheuern und Phantasiemenschen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat, aber aus verschiedenen Gründen sogar von Wissenschaftlern lange Zeit für wahr gehalten wurde. Diese Vermischung zwischen Phantasie und Wirklichkeit war sogar in der Zeit der rationalen Aufklärung weit verbreitet.

Die Gründe für diese Akzeptanz nicht existierender Phänomene sind vielschichtig. Falsche kartographische Vorstellungen wurden von Historikern wenig beachtet. Bei der Übertragung der Namen entstanden viele Irrtümer, wenn nicht exakt gearbeitet wurde. Mythen und Aberglaube spielte auch eine Rolle: „Je weiter wir zurückgehen, desto häufiger stoßen wir natürlich auf Aberglauben, die antike Mythologie oder die ängstliche Rücksicht auf kirchliche Lehrmeinungen als Hintergrund der Erfindungen.“ (S. 9) Ein Irrtum entstand auch durch Vermutungen und auf schlechten Messgeräten. Manchmal wollte Hochstapler und Lügner aus den Erfindungen Profit schlagen: „Wilde Geschichten konnten ihre Erfinder berühmt machen. Abenteurer stilisierten sich zu heroischen Entdeckern und verschafften sich auf diese Weise Mittel für weitere Expeditionen.“ (S. 11) In vielen Fällen profitierten die Aufschneider auch von der Leichtgläubigkeit der Obrigkeiten, die sich von der Vorstellung schnellen Reichtums oder Ruhm blenden ließen.

In alphabetischer Reihenfolge werden die jeweiligen Phänomene im Text und meist mit Originalkarten auf vier bis sechs Seiten vorgestellt. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt und Eskapismus führte auch kartographisch zu einer Vorstellung des irdischen Paradieses. Diese Vorstellung existierte in allen Religionen, im Christentum gab es die Mappa Mundi von ca. 1265, wo Jesu, Maria und Eva auf vier Ströme hinweisen, die aus dem Paradies fließen. Bekannt sind auch die kartographischen Darstellungen der Erde als Scheibe, die sogar noch 1893 bei der Internationalen Square Earth Society dargestellt wurde. Die Liber Chronicum aus Nürnberg, eine illustrierte Darstellung der christlichen Weltgeschichte von der Schöpfung bis zum Druck der Karte 1493. Dort werden Menschen ohne Kopf, Frauen mit Bärten, Menschen mit Hundeköpfen oder Hippopoden, Mensche mit Pferdefüßen dargestellt, die angeblich in Skytien oder Nubien leben sollten. Die nicht existierende Stadt Vineta sollte irgendwo an der südlichen Ostsee liegen und laut dem Chronist Adam von Bremen (11 Jh.) die größte Stadt in Europa sein. Auf Karten wurde sie dann in der Nähe der Peenemündung abgebildet.

Der Autor beweist eine breite Kenntnis von historischer Geographie und antiker Kartographie und stellt hier oft anhand von Quellenmaterial die abenteuerlichen Geschichten dar. Bei der Lektüre muss man immer wieder den Kopf schütteln oder amüsant grinsen. Eine einzigartige Sammlung von Phantasiegebilden der Menschheit!

Charlotte Wiedemann: Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten, dtv, 2. Auflage, München 2017, ISBN: 978-3-423-28124-9

Der Staat Iran besteht zum größten Teil aus hohem Gebirge und trockenen, wüstenhaften Becken. Seine Lage zwischen dem Kaspischen Meer und der Straße von Hormus am Persischen Golf macht ihn zu einem Gebiet von hoher geostrategischer Bedeutung mit langer, bis in die Antike zurückreichender Geschichte. Nach dem Übergreifen der islamischen Expansion auf Persien, in deren Verlauf der Zoroastrismus durch den Islam ersetzt wurde, wurden persische Gelehrte zu Trägern des Goldenen Zeitalters. In der Moderne führte die Unterdrückung der liberalen, kommunistischen und islamischen Opposition führte zu vielseitigen Spannungen, die in der Revolution von 1979 und dem Sturz des Schahs kulminierten.

Seit der Islamischen Revolution ist der Iran eine theokratische Republik, die von schiitischen Geistlichen geführt wird, an deren Spitze der Religionsführer die Macht auf sich konzentriert. Kontrolliert wird er nur vom Wächterrat. Regelmäßige Wahlen werden abgehalten, aber aufgrund der umfassenden Einhegung durch die Machthaber, Manipulationsvorwürfen und der unbedeutenden Stellung des Parlamentes sowie des Präsidenten als undemokratisch kritisiert. Der iranische Staat missachtet Menschenrechte, seine Kontrolle auf religiöse und ideologische Konformität durchdringt das Leben aller Bürger und beschneidet die Freiheit des Einzelnen und bedroht das Existenzrecht Israels.

Es gibt in der letzten Zeit Versuche, den Iran aus seiner augenblicklichen Rolle eines international unberechenbaren Staates herauszuholen und die kulturelle Seite zu würdigen. Die Ausstellung Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste in der Bundeskunsthalle Bonn, die vom 13.4 bis 20.8.2017 stattfindet, beschäftigt sich mit den iranischen Kulturen der Frühzeit, vom 7. Jahrtausend v. Chr. bis zum Aufstieg der Achämeniden im 1. Jahrtausend v. Chr.

In diesem Buch berichtet die Journalistin Charlotte Wiedemann über den modernen Iran, der sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten herausgebildet hat: einen politisch unabhängigen Vielvölkerstaat mit starkem Nationalbewusstsein. (S. 16) In ihrem Gesellschaftsportrait stellt sie die These auf, dass der heutige Iran nur noch wenig mit dem der Islamischen Revolution von 1979 zu tun hat. Sie nennt als Beispiel dafür die überdurchschnittlich gebildeten Frauen, die die männlich geprägte Religiosität in Frage stellen. Der technologische Fortschritt des Landes lässt auch die alten Gesellschaftsstrukturen hinter sich. Der Iran als wichtigster geopolitischer Akteur im Nahen und Mittleren Osten ist säkularer geworden und sie berichtet von vielen Menschen, die eine kulturelle und wirtschaftliche Annäherung an den Westen befürworten: „Wenn westliche Besucher besonders zuvorkommend behandelt werden, hat das noch einen anderen Grund. Viele Iraner wünschen sich sehnlich, die Isolation zu überwinden und wieder als geachtetes Mitglied der Gemeinschaft der Nationen zu gelten.“ (S. 11)

Sie berichtet weiterhin von den alltäglichen Sorgen der normalen Bevölkerung, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Sie berichtet vom radikalen islamischen Humanismus und ihren Vertretern ebenso wie den jungen Neureichen, die Schweizer Luxusuhren für 100.000 Euro mal eben kaufen. Die Widersprüchlichkeit des Landes ist eine typische Facette, die Technikgläubigkeit und Fortschrittsgläubigkeit mit dem Bau von Atomkraftwerken und die Ausweitung der Genforschung eine andere.

Charlotte Wiedemann beschreibt Innenansichten eines Landes, das viele Überraschungen bereithält. Die Vielfältigkeit seiner Kultur und seiner Menschen werden hier in profunder Weise dargestellt. Vorurteile wie rückwärtsgewandt und islamistisch werden aufgehoben zugunsten der Sichtweise auf einen modernen Iran, der für die Welt nicht nur wegen seiner großen Reserven an Erdgas interessant ist. Die weitere Demokratisierung und Säkularisierung des wichtigsten geopolitischer Akteur im Nahen und Mittleren Osten wäre zu begrüßen. Allerdings sind die Hypotheken aus der Vergangenheit sehr groß: Die Holocaustleugnungskonferenz im Iran und der Konfrontationskurs gegenüber dem Westen unter Ahmadinedschad sind die besten Beispiele. Die antisemitische Holocaustleugnungskonferenz im Iran war ein von der Regierung des Iran initiiertes Treffen am 11. und 12. Dezember 2006 in Teheran, bei dem Antisemiten, Neonazis und Islamisten aus 30 Staaten den Holocaust in Frage stellten oder leugneten und das Existenzrecht Israels bestritten. Die Veranstaltung wurde im März 2006 vom damaligen Staatspräsidenten des Iran, Mahmud Ahmadinedschad, angeordnet. Dieser hatte seit seinem Amtsantritt 2005 einen Konfrontationskurs zum Westen eingeschlagen und in diesem Kontext wiederholt den Holocaust angezweifelt oder geleugnet.

Jussi Adler Olsen: Selfies. Der siebte Fall für das Sonderdezernat Q in Kopenhagen, dtv-Verlag, ISBN-13: 978-3423281072

Der dänische Autor Jussi Adler Olsen, der nach Eigenangabe die Schriftsteller John Steinbeck, Charles Dickens, Victor Hugo Peter Bichsel, Jerzy Kosinski und Erlend Loe sehr schätzt, ist durch die die Fälle des Kommissars Carl Mørck und des Sonderdezernats Q in Kopenhagen einem breiten Publikum in Deutschland bekannt geworden.

In diesem siebten Thriller Adler Olsens geht es hauptsächlich um die Aufarbeitung der persönlichen Vorgeschichte Roses, der mit Carl Mørck im Sonderdezernat Q arbeitet, die sich mit den aktuellen Fällen des Sonderdezernates überschneidet. Drei sozial Schwache und psychisch kranke Frauen versuchen mit Gelegenheitsstraftaten, ihre Lebenssituation zu ändern. Deren Betreuerin vom Sozialamt, die Bedürftige als „Schmarotzer“ sieht, verfolgt die drei regelrecht und wird dann selbst in deren Geschäfte involviert. Verschiedene Fälle, die auf den ersten Blick keinen Bezug zueinander haben, verknüpfen sich im Laufe der Geschichte zu einem spannenden Puzzle mit einem überraschenden Ende, das hier nicht verraten werden soll.

Der gut lesbare Thriller bietet vieles: persönliche Schicksale, psychische Krankheiten und deren Folgen, spannende Wendungen, menschliche Abgründe und vor allem keine Langeweile. Adler Olsens erste sechs Bücher über die Kopenhagener Ermittler wurden allesamt Verkaufsschlager. Der siebte Band könnte es auch werden, auch wenn er sehr düster und nachdenklich ist.

Michael Wolffsohn: Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie, dtv, München 2017, ISBN: 978-3-423-28126-3

Michael Wolffsohn ist einer der führenden Experten für die Analyse internationaler Politik und nicht zuletzt die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden auf staatlicher, politischer, wirtschaftlicher und religiöser Ebene. Der Historiker und Publizist meldet sich regelmäßig zu wichtigen politischen, militärpolitischen, historischen und religiösen Fragestellungen zu Wort.

Im Judentum hat die Genealogie eine besondere Rolle. In der Thora wird Genealogie übersetzt mit toledot („Generationen“). Das Judentum ist eine Religionsgemeinschaft, bei der ebenso ein gemeinsamer ethnischer Hintergrund behauptet wird. Das Interesse an Genealogie rührt aus der schriftlichen Überlieferung der biblischen Stammlinien, wie es vor dem Hintergrund einer langen Verfolgungs- und Vertreibungsgeschichte zu sehen ist. Im 20. Jahrhundert führte der Holocaust zu einer verstärkten Rolle der jüdischen Genealogie, weil Überlebende versuchten, vermisste Familien¬mitglieder zu finden oder das Andenken der Verlorenen zu bewahren.

In seinem neuen Buch stellt Michael Wolffsohn die Genealogie seiner Familie vor, weil „die Wolffsohnsche Familiengeschichte tatsächlich auch Weltgeschichte“ ist (S. 7) In diesem Buch versucht er „das Wechselspiel von großer Welt, kleiner Welt, Außenwelt und Innenwelt nachvollziehbar zu machen. Diese Geschichte hätte auch ihre Geschichte sein können.“ (S. 7)

Das Besondere an dem Buch ist die zeitgeschichtliche Relevanz der Angehörigen der Familie Wolffsohn. Von den einzelnen Personen wird die Brücke zur jüngeren Historie gezogen, so dass es nicht nur um biographische Werdegänge geht. Eine kurzweilige Lektüre, die Einblicke in persönliche Schicksale gibt.

Justin Cronin: Die Spiegelstadt. Goldmann Verlag, München 2016, ISBN: 978-3-442-31180-4

Dieses Werk ist der Abschlussband einer dreibändigen Dystopie des Autors Justin Cronin. Eine Dystopie ist ein Gegenbild zur positiven Utopie, der Eutopie, und eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang. Sie entwirft ein zukunftspessimistisches Szenario von einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt, und stellt somit einen Gegenentwurf zur Utopie dar. Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen.

Vier Jahre sind nun seit dem Erscheinen des zweiten Bandes, „Die Zwölf“, vergangen. In einem sechzigseitigen Prolog fasst Cronin das bisherige Geschehen zusammen.

Der erste Band „Der Übergang“ handelte von der Weltkatastrophe und den Umgang der Menschen damit. Es wird gezeigt, wie eine Gruppe Menschen ihr Überleben in einer Welt der Auflösung sichern will. Der zweite Band „Die Zwölf“ geht darum wie das Virus vom Militär benutzt wird, eine Gruppe von Todeskandidaten in Monster zu verwandeln. Die Zwölf“ beschreibt ein totalitäre Regime in Iowa, das sich infolge der Ereignisse herausgebildet hat und mit den Zwölf kollaboriert, schließlich den Krieg zwischen Menschen und Virals.

Die Handlung des dritten Teils setzt einundzwanzig Jahre nach den Ereignissen aus „Die Zwölf“ ein. Die Menschheit ist von einem furchtbaren Virus heimgesucht worden, das Vampire hervorbringt, die die Menschheit auslöschen wollen. Die wenigen Überlebenden haben versucht, in Kerrville eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Nach und nach wird die Stadt zu klein und eine Besiedelungspolitik für das weitere Umfeld wird vorangetrieben. Die Dinge in der Stadt erinnern stark an die Besiedelung Amerikas durch weiße Abenteurer plus Wild-West-Romantik. Nicht nur die Menschen, sondern auch deren Feinde (Virals, Dopeys) leiden unter der Güterknappheit. Glücksspiel in Saloons, Pferde mitsamt Reitern, Schießereien untereinander und andere Stereotype tauchen auf, was das Buch auch ein lustig macht. Der Rest wird noch nicht verraten.

Der dritte Band „Die Spiegelstadt“ behandelt die aus der Katastrophe entstandene Gemeinschaft der überlebenden Menschen und ihre Charakterentwicklung. Viele Andeutungen aus den ersten beiden Bänden werden hier zu Ende geführt. Die Handlung orientiert sich stark an den handelnden Personen, vielleicht eine Hommage an die frühen weißen Kolonisatoren Amerikas. Der letzte Teil der Trilogie ist genauso spannend wie seine Vorgänger, manchmal zum Schmunzeln. Die Fortsetzung lohnt sich gewiss.

Jan Weiler: Das Pubertier. Das Buch, Kindler Verlag, Kindler 2017, ISBN: 978-3-463-40698-5

Das jetzt erschienene Buch vereint die Geschichten der beiden Erfolgsklassiker „Das Pubertier“ und „Im Reich der Pubertiere“ in einem Band. Es geht es um die Tücken der Pubertät und ihre Auswirkungen speziell für die Eltern. Der Journalist Hannes Wenger nimmt sich eine Auszeit, um seine Tochter Carla in dieser schwierigen Lebensphase zu erziehen und von Alkohol, Jungs und anderen Verlockungen fernzuhalten. Das ist aber leichter gesagt als getan, denn seine Frau Sara geht wieder arbeiten und Hannes ist als Vater maßlos überfordert. Ob Party, Zeltlager oder Carlas erstes Mal: Hannes tritt zielsicher in jedes Fettnäpfchen. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass auch andere Jugendliche peinliche Väter haben: Hannes' bester Freund, der Kriegsreporter Holger, lässt sich lieber im Nahen Osten beschießen als sich daheim von seinem pubertierenden Kind in den Wahnsinn treiben zu lassen.

Jan Weiler sieht auch die heutige Jugend trotz wachsendem Wohlstand mit viel mehr Stress verbunden als früher: „Es macht auch sicher keine Freude, als Sechszehnjähriger zwischen den kulturellen, sozialen und gesellschaftspolitischen Schuttbergen der in den siebziger geborenen Eltern zu navigieren. (…) Das Einzige, was den Jungen hilft, ist Verständnis. Bedingungsloses Verständnis. Damit ist keine Haltungslosigkeit gemeint, aber die unbedingte Bereitschaft, die Sorgen der Kinder ernst zu nehmen.“ (S. 165)

Das Buch ist sehr unterhaltsam geschrieben, hat aber auch einen ernsten pädagogischen Hintergrund. Der Vorteil ist, dass alle Eltern dies durchgemacht haben, mit mehr Sorgen oder weniger. Nicht nur Eltern sollte man gelesen haben.

Pankaj Mishra: Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2017, ISBN: 978-3-10-397265-8

Der Autor Pankaj Mishra schreibt literarische und politische Essays respektive Kolumnen u.a. für The New York Times, The New York Review of Books, The Guardian, für New Statesman und englischsprachige indische Publikationen und beschäftigt sich nun mit dem gegenwärtigen Zeitgeschehen.

Sein Buch „Zeitalter des Zorns“ ist eine Analyse einer aus den Fugen geratenen Welt und bietet eine tiefgehende Geschichte der Gegenwart. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurde der globale Konsens durch Populisten, Demagogen und religiösen Extremismus ins Wanken gebracht. Hier wird die weltweite Krise „aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet und dabei auf die schwere, aber fälschlich aufgebürdete Last der Erklärung verschoben, weg vom Islam und dem religiösen Extremismus.“ Stattdessen vertritt Mishra die These, dass die „beispiellose politische, ökonomische und soziale Unordnung, die den Aufstieg der industriekapitalistischen Wirtschaft im Europa des 19. Jahrhunderts begleitete und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Weltkriegen, totalitären Regimen und Völkermorden führte, heute weitaus größere Regionen und Bevölkerungen befallen hat; dass weite Teile Asiens und Afrikas durch den europäischen Imperialismus einst erstmals der Moderne ausgesetzt wurden, heute tiefer in die schicksalhafte westliche Erfahrung dieser Moderne eintauchen.“ (S. 21)

Diese weltweite Krise ist viel tiefergehend als die Gewalt und der Terror, was die von Samuel Huntington vorgetragene These des clash of civilizations nicht erklären kann. Die politischen, sozialen und ökologischen Probleme dieser Zeit gehen an Huntingtons Erklärungsansatz weitgehend vorbei. Die Widersprüche und die Kosten eines auf eine kleine Minderheit beschränkten Fortschritts werden laut Mishra in immer größerem Umfang sichtbar: „Unter den vielen Hundert Millionen jungen Leuten, die dazu verdammt sind, überflüssig zu sein, nähren sie den Verdacht, dass die gegenwärtige Ordnung, ob nun demokratisch oder autoritär, auf Zwang und Betrug aufgebaut ist, und lassen eine Stimmung aufkommen, die breiter und apokalyptischer ist, als wir dies jemals erlebt haben. Sie unterstreichen auch die Notwendigkeit eines wahrhaft verändernden denke über das Ich und die Welt.“ (S. 379)

Mishras brilliante Analyse des Aufstandes der Überflüssigen gibt einen guten Einstieg in die gegenwärtigen Befindlichkeiten der Welt. Als Diskussionsgrundlage über weitergehende Fragen ist es Gold wert. Allerdings muss er sich gefallen lassen, wenn die Kritik aufkommt, neben seiner Bestandsaufnahme nicht in ausreichendem Maß über passende Lösungen nachgedacht zu haben.

Tim Raue: My Way, Callwey Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-7667-2265-2

Der international renommierte Küchenchef Tim Raue, der für seine Leistungen zahlreiche Auszeichnungen bekam, schildert in diesem Buch seine persönliche und kulinarische Lebensgeschichte und stellt seine 30 Grundrezepte und seine 70 besten Rezepte vor. „Gehen Sie mit mir ein Stück meines Wegens, werfen Sie einen Blick in meine Welt, es ist mein egozentrisches Universum, völlig subjektiv und unangepasst.“ (S. 24) Das Buch ist reich bebildert, im biographischen Teil erscheinen sehr persönliche Fotos.

Nach einem kurzen Vorwort des ehemaligen Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, folgt zunächst der biographische Teil, wo er seine schwierige Jugend in Berlin-Kreuzberg kurz vor dem Fall der Mauer mit persönlichen Fotos offen schildert. Als er dann befürchtete, „in der Gosse zu landen“, bekam er sein Leben selbständig in den Griff und begann eine Ausbildung als Koch.

Dann sammelte er erste Erfahrungen im Restaurant Quadriga im Hotel Brandenburger Hof, im Restaurant Bamberger Reiter und im Restaurant Schloss Glienicke. 1998 übernahm er die Position des Küchenchefs die Berliner Kaiserstuben und wurde vom Gourmet-Magazin „Der Feinschmecker“ zum Aufsteiger des Jahres gewählt. 1999 wechselte er als Küchenchef und Geschäftsführender Direktor in das E.T.A. Hoffmann im Hotel Riehmers Hofgarten. Ein Besuch des Restaurants Jade in Singapur im Jahre 2004 war für ihn der „kulinarische Wendepunkt meines Lebens“. (S.24) Seitdem er die asiatische Küche für sich entdeckt hatte, bildet sie ein Schwerpunkt seiner Kochkünste. Von 2008 bis 2010 war Tim Raue als kulinarischer Direktor und Corporate Executive Chef bei der Adlon Holding GmbH, bevor er sich m Juli 2010 selbstständig machte und das Restaurant Tim Raue eröffnet. Der Gault Millau bewertete das Restaurant ein gutes Jahr später, im November 2011, erstmals mit 19 Punkten. Im November 2012 folgte dann der zweite Michelin Stern.

Im Jahre 2013 eröffnete Tim Raue zwei weitere Restaurants in Berlin: das Restaurant SRA BUA by Tim Raue im Kempinski Hotel Adlon Berlin mit einem kulinarisch auf Thailand und Japan fokussiertem Konzept. und auf Bötzow Berlin das Restaurant la soupe populaire timraue. an dem vornehmlich deutsche und „preußische“ Gerichte serviert werden. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Der Gault Millau bewertete das la soupe populaire mit 13 Punkten und zeichnete Tim Raue im November 2013 als „Restaurateur des Jahres 2014“ aus.

Im zweiten Teil des Buches stellt er seine 40 Grundrezepte und seine 70 besten Rezepte vor. Die Rezepte stammen zum großen Teil aus der Küche des Restaurants Tim Raue, aber auch aus seinen anderen Restaurants. Der asiatische Einfluss prägt die vorgestellten Gerichte, aber auch Berliner traditionelle Speisen sind in der Auswahl. Angefangen von Vorspeisen und Snacks über Dim Sum, kleine asiatische Gerichte, die meist gedämpft oder frittiert sind, folgen die Empfehlungen für Hauptgerichte wie Fisch, Krustentiere, Geflügel und Fleisch und letztlich Dessertrezepte. Dann werden seine 30 Grundrezepte kurz beschrieben.

Die Person Tim Raue und seine Kochkünste polarisieren: Einige halten ihn für arrogant und überschätzt, andere schwören auf seine Kochkünste und goutieren auch sein extrovertierte Art. Für letztere ist das Buch geschrieben. Es ist eine Mischung zwischen Autobiographie und hochwertigen Kochrezepten, obwohl beides manchmal nicht voneinander zu trennen ist. Die Kulinarik ist sein Leben, wie man unschwer aus seiner ausführlichen Biographie entnehmen kann. Wer also die besten Rezepte eines international renommierten Küchenchefs haben möchte und mehr über seinen persönlichen Werdegang erfahren will, sollte sich das Buch zulegen, das sehr aussagekräftige und hochwertige Illustrationen zu bieten hat.

Souad Mekhennet: Nur wenn Du allein kommst. Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad, 3. Auflage, C. H. Beck Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-406-71167-1

Souad Mekhennet ist eine deutsche Journalistin und Sachbuchautorin und arbeitet für The New York Times, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und das ZDF. Nach den Anschlägen dem 11. September 2001 befasste sie sich auch persönlich mit Identitätsfragen und Deutungsmustern. Dies wurde ihr Spezialthema und seitdem berichtet sie über die Konflikte zwischen „dem Westen“ und „dem Islam“ in Europa, Nordafrika und im Nahen Osten.

Ihre Geschichte in diesem Buch handelt von der Frage, was Menschen antreibt, Teil einer Terrororganisation zu werden und viele unschuldige Menschen umzubringen. Ihre Recherchen, die sie in viele gefährliche Situationen bringen, mitten im Herz des Dschihad werden hier aufbereitet und erzählt.

Eine Gut und Böse-Konstruktion lehnt sie vehement ab: "Ich wollte wissen, was passiert ist in Hamburg, dass ein Mohammed Atta, ein Said Bahaji, ein Ziad Jarrah, die aus arabischen Staaten nach Deutschland gekommen sind, um hier zu studieren, zu Massenmördern wurden."

Dabei sieht sie nicht den zugespitzten Antagonismus zwischen der westlichen Welt und der islamischen Welt: „Es ist nicht der Kampf gegen den Westen. Es sind Gruppen, die gegen all jene kämpfen, die anders denken und anders agieren als sie es für richtig halten. Und es ist egal, ob sie Christ, Jude oder Moslem sind. Wenn sie nicht so agieren, wie diese Gruppen es wollen, dann sind sie eben ein Feind.“

Das Buch beginnt mit einem Treffen mit einem ISIS-Mitglied und den Begleiterscheinungen: „Ich sollte allein kommen. Ohne Ausweispapiere oder sonstige Dokumente; Handy, Aufnahmegerät, Uhr und Handtasche sollte ich in meinem Hotel in Antakya lassen. Erlaubt waren lediglich ein Notizbuch und ein Kugelschreiber.“ Dieses Zitat erläutert zugleich den Titel des Buches. Das Buch ist gleichzeitig auch eine Aufarbeitung ihrer eigenen Biographie: Sie berichtet ausführlich von ihrer Kindheit und Jugend in der BRD, vom Othering der Mehrheitsgesellschaft und von der Werten ihrer Eltern, die die Menschen als Charakter beurteilen und nicht welche Nationalität und Konfession sie haben. Weiterhin erzählt sie von der innigen Beziehung zu ihrer Großmutter in Marokko und ihre regelmäßigen Besuchen dort. Nach dem Abschluss ihres Politikstudiums baut sich ein Netzwerk innerhalb bekannter Medien als Journalistin auf und machte sich bald einen Namen als Expertin für den international agierenden unter dem Deckmantel des Islam agierenden Terrorismus. Sie bereist den Irak, den Nahen Osten und Afrika und trifft oft auf einen irrationalen Hass auf „den Westen“, die angeblich „den Islam“ vernichten wollen.

Ihre Herangehensweise ist einfach, aber effektiv. Sie hört den Interviewpartner zu, erst einmal ohne moralische Wertungen oder Interventionen, auch menschenverachtende Vorurteile und bahnbrechende. Das macht sie nicht unumstritten. In der Terrorhysterie des Westens sehen manche sie als Transportsubjekt der Propaganda des „islamischen Terrorismus“. Das ist natürlich Blödsinn. Souad gibt den Islamisten die Möglichkeit, dass auch ihre Sicht der Dinge gehört wird, gibt ihnen eine Stimme – und macht sich viele zum Feind (nicht nur Dschihadisten, sondern auch westliche Regierungen und Geheimdienste). Sie versucht lediglich Brücken zwischen Repräsentanten dem Islam und dem Christentum zu bauen, zwischen den arabischen Ländern und der westlichen Welt, damit der Hass nicht noch größer wird und eine Art Dialog erreicht wird, der sinnloses Blutvergießen oder Kriege verhindert.

In dem Buch spricht sie auch über die Gründe, die Menschen dazu bewegen, sich Terrororganisationen anzuschließen. Ein Unterlegenheitsgefühl und die Behandlung als Mensch zweiter Klasse sind oft zu hören. Westliche Gesellschaften, die durch ihren Rassismus Muslime ausschließen, tragen ebenso zur Radikalisierung bei. Viele Menschen, die keinen Halt im Leben haben, bekommen im islamischen Terrorismus Gemeinschaftsgefühl und klare Feindbilder an die Hand, woran man sich orientieren kann. Der Dualismus zwischen der Wir-Gruppe und der Gruppe der bösen Anderen ist nicht nur prägend für den islamischen Terrorismus. Dasselbe Bild bestimmt die Weltsicht vieler Menschen. Ob es nun im Westen das Feindbild Islam ist, beim Fußball Dortmund und Schalke, bei jeder absolutistischen oder deterministischen Weltanschauung, die das Andere als Feind markiert und damit die Eigengruppe stärkt und Identität gibt. Die Autorin will dieses dualistische Denken aufbrechen, das in der Menschheitsgeschichte schon so viel Unheil angerichtet hat und Empathie und Verständigung fördern. Terror hat nichts mit einer bestimmten Religion am Hut; wir sind alle Menschen, das verbindet uns, will sie sagen.

Ihre Botschaft ist Dialog, Verständigung, Frieden. Ihr mutiges Engagement für diese Werte muss man hochachtungsvoll hervorheben. Eine sehr mutige Frau auf dem Balanceakt mit der ständigen Gefahr, dies macht das Buch auch zu einem spannungsreichen Abenteuer für die Leser. Ihre Absage an jede Eindimensionalität in der Propaganda der westlichen Staaten oder der Protagonisten des islamisch begründeten Terrorismus und die Einnahme von multiperspektivischen Lösungsansätzen ist die Stärke des Buches. Eine ausreichende Diskussion über den antimuslimischen Rassismus in den westlichen Staaten fehlt allerdings.

 

Eintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek:

ISBN: 978-3-442-31180-4 .